Imam Hussain und das heutige Islamische Erwachen

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Ali Chaukair

Einerseits ein sehr einprägsamer Satz, andererseits wirft diese Aussage mindestens zwei logische Fragen auf: Was haben wir denn heute überhaupt? Und warum haben wir es von Aschura?

Lehren aus Aschura

Aschura ist das Symbol für wahre Freiheit, Unabhängigkeit, Stärke, Tapferkeit, Treue, Standhaftigkeit, Liebe und Vernunft. An Aschura treffen all diese Aspekte auf einen Feind namens Hass, Tyrannei, Unterdrückertum, moralische Verdorbenheit, Schwäche und Angst. Siegreich waren diejenigen, die ihr „Ich“ erzogen und auf der Seite ihres Imams den hässlichen Angriffen des Feindes bis zum letzten Atemzug entgegenstanden. Sie bewahrten sich ihre Würde und ergaben sich dem Feind nicht. Sie folgten ihrem Imam bis in den Tod, den sie lediglich als Übergang in die ewige Glückseligkeit betrachteten. Aschura ist aber nicht nur die Ermordung dieser Heiligkeiten, sondern auch die Stärke und Standhaftigkeit der Hinterbliebenen.

Das waren diejenigen, die das Ereignis miterlebten, deren Zelte gestürmt und angezündet wurden, die in Ketten gelegt verschleppt wurden, und die die hussainitische Revolution von Karbala auf eine Art und Weise am Hofe der Tyrannen schilderten, die die Herzen der Menschen und den Thron der Tyrannen erschütterten. Aschura ist außerdem ein Symbol für die Wichtigkeit einer Führung, die von den Gläubigen erkannt, anerkannt und befolgt wird. Die Treue der Unterstützer Imam Hussains war so gefestigt, dass der Imam in der Nacht zum 10. Muharram zu ihnen sagte, dass sie die besten Gefährten sind. Das ist in der islamischen Geschichte eine sehr starke Aussage. Das Oberhaupt lenkt die Gemeinde, gibt die Richtung vor, die zum Ziel führt. Ohne Oberhaupt, oder auch mit dem falschen Oberhaupt, geht eine Gemeinde in die Irre, sei sie noch so stark.

Aschura ist das Aufeinandertreffen des Oberhauptes der Tyrannei und des Oberhauptes der Liebe. Die meisten Menschen haben damals entweder das Oberhaupt der Liebe nicht erkannt, oder wenn sie Imam Hussain erkannten, so folgten sie ihm nicht. Sie verrieten vor ihm schon seinen Vertreter Muslim ibn Aqil und schließlich ihn direkt, als er aus Medina über Mekka zu ihnen in Richtung Kufa kam. Dies endete für diese Muslime in einer Katastrophe. Der Sieg der wahren Muslime an Aschura hingegen wurde vollbracht durch das Blut der Märtyrer, ihrer Gefolgsamkeit zum Imam und durch die Zunge der Überlebenden. Der Herr der Märtyrer ist Imam Hussain, und die Bewahrer des Blutes der Märtyrer sind Imam Ali ibn Al Hussain und Sayyeda Zainab. An Aschura erkennen wir, dass eine Revolution nur durch drei wichtige Komponenten siegreich sein kann, und mit Allahs Hilfe auch erfolgreich ist:

  1. Durch die Aufopferungen der Anhänger der Revolution
  2. Durch die treue Gefolgsamkeit der Revolutionäre zum wahren Oberhaupt und seines Vertreters
  3. Durch das Bewahren der Errungenschaften der Revolution

Dieses sind einige wenige, aber sehr wichtige Aspekte, die man von Aschura lernen kann.

Heutige Errungenschaften von Aschura

Als Imam Khomeini seinerzeit sagte, „alles, was wir haben, haben wir von Aschura“, meinte er sicher in erster Linie den Sieg der heiligen islamischen Revolution im Iran und die unzähligen Aufopferungen, die das iranische Volk über viele Jahre hinweg auf sich nahm, um diesen Sieg zu erringen. Aber ist das alles, was er damit meinte? Kann das alles sein? Mit Sicherheit nicht. Er selbst sagte auch sinngemäß, dass der Sieg der islamischen Revolution wie das Pflanzen eines Baumes ist. In vielen Jahren und Jahrzehnten werden die folgenden Generationen die Früchte dieses Baumes, also dieses Sieges, genießen. Und so ist es. Nicht nur der Sieg der islamischen Revolution war von Aschura, sondern auch ihr Fortbestehen unter der weisen Führung des Imams bis 1989 und danach durch seinen Nachfolger Imam Khamenei.

Ihr Fortbestehen angesichts eines achtjährigen aufgezwungenen Krieges durch die Westmarionette Saddam, angesichts 30 Jahre lang andauernder wirtschaftlicher, finanzieller und politischer Sanktionen, angesichts einer mittlerweile offenen militärischen Umzingelung des Irans durch die USA und ihre arabisch-asiatischen Lakaien, und angesichts eines immer härter werdenden medialen Krieges. Erst kürzlich ließ die EU beispielsweise 19 iranische Sender von der Frequenz des Hotbird-Satelliten löschen. Dieses Fortbestehen der islamischen Revolution, angesichts all dieser Hindernisse, ist von Aschura. Auch die treue Gefolgsamkeit der revolutionären Iraner zu Imam Khomeini und später zu seinem Nachfolger Imam Khamenei ist ein wichtiger Faktor des Sieges und der Bewahrung der Errungenschaften der Revolution. Ohne die weise Führung und die treue Anhängerschaft, wäre die Revolution schon nach kurzer Zeit im Strudel des aufgezwungenen Krieges gescheitert. Dass Revolutionen scheitern, wenn es keine weise und mutige Führung, sowie eine treue Anhängerschaft gibt, zeigt die Geschichte an der in Europa bekanntesten Revolution- der französischen Revolution von 1789. Deren Errungenschaften waren vor allem mangels weiser Führung nach wenigen Jahren wieder verloren gegangen.

Dass revolutionäre Bewegungen hingegen erfolgreich sein können, wenn es eine anerkannte Führung gibt, zeigt nicht nur das Beispiel der islamischen Revolution im Iran, sondern vor allem auch eine ihrer süßesten Früchte- die islamische Widerstandsbewegung im Libanon unter der Führung eines Sayyed Hasan Nasrullahs. Da das Erwachen der Menschen in Tunesien, Ägypten, Jemen, Bahrain und schließlich auch in Saudi-Arabien unter dem Ruf „Allahu akbar“ geschah und weiterhin anhält, ist es ein islamisches Erwachen. So erläutert uns dies Imam Khamenei. Dieses islamische Erwachen der genannten Völker gegen die Tyrannen, von denen sie seit Jahrzehnten unterdrückt wurden und werden, ist eine weitere süße Frucht der islamischen Revolution. Und somit ist auch dieses Erwachen von Aschura, denn die Revolutionäre und Aufständischen in diesen Ländern selbst nennen die heilige islamische Revolution im Iran als ihr Vorbild.

Aufstände fanden in Tunesien und Ägypten statt. Tyrannen wurden gestürzt. Revolutionen und Aufstände waren in dieser Hinsicht erfolgreich. Im Jemen, Bahrain und Saudi-Arabien opfern sich die Menschen weiterhin auf, um ihre Ziele zu erreichen. Die Flagge der Befreiungstheologie Imam Hussains wird in Form von Bildern eines Imam Khomeini und Imam Khamenei auch in vielen anderen Ländern der Welt in allen Kontinenten an Trauerprozessionen zu Aschura hochgehalten. Dieses ist natürlich eine sehr wichtige Form des islamischen Erwachens. Lybien und Syrien sind jeweils für sich betrachtet jeweils spezielle Fälle, die nicht zu der Bewegung des islamischen Erwachens im oben genannten Sinne gezählt werden können, da hier die imperialistisch-zionistischen Mächte ihre blutverschmierten Finger auf Seiten vermeintlicher Revolutionäre mit im Spiel hatten und haben.

Das islamische Erwachen in den Ländern Tunesien, Ägypten, Jemen, Bahrain und Saudi-Arabien kann aber nur komplett erfolgreich sein, wenn die ersten Errungenschaften von den Revolutionären bewahrt und vor feindlichen Verschwörungen geschützt werden. Das Bewahren und Beschützen der Revolution kann sogar wichtiger als die Revolution als solche betrachtet werden. Anders ausgedrückt: Eine gute Note kann bei einer Prüfung jeder mal schreiben. Die größere und wichtigere Leistung besteht darin diese gute Note weiterhin zu halten. Um die Errungenschaften der bereits zum Teil erfolgreichen Revolutionen zu bewahren, bedarf es starker Anstrengungen und Aufopferungen der revolutionären Kräfte in Sachen Verbreitung der Ideologie und Ziele der Revolution, sowie auch in Erkennen und Anerkennen einer weisen und mutigen Führung.

Die Revolutionen in den islamisch-arabischen Ländern können schlussendlich nur erfolgreich sein, wenn sie von einer Person geführt werden, die das Ziel der Revolution sowie den zu beschreitenden Pfad sehr gut kennt. Nicht zu vergessen in der Bewegung des islamischen Erwachens sind Palästina und Irak. Palästina, der Dreh- und Angelpunkt der Region des Nahen Ostens sowie der gesamten Welt. Palästina der aufopferungsvollen und standhaften Menschen. Und Palästina der unfassbaren Unterdrückung und Tyrannei durch die Zionisten. Dieses Palästina kämpft seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten um seine Freiheit. Auch der Irak, der sich mehr und mehr aus der US-Amerikanischen Bevormundung befreien konnte zählt in dieser Hinsicht zu den Ländern des islamischen Erwachens. Die Freiheitsbewegung von Aschura macht aber nicht in den islamisch-arabischen Ländern Halt, sondern überschreitet die Grenzen der islamisch-arabischen Länder bis nach Westeuropa. Griechenland, Spanien, Portugal, Italien, England- alles Länder in denen die Bevölkerungen auf die Straße gingen, gegen Armut, gegen finanzielle Unterdrückung, für mehr Gerechtigkeit in der Verteilung von Reichtum und Wohlstand.

Die Wirtschafts-und Finanzkrise der westlichen Welt führt zu mehr und mehr Erkenntnis bei den Menschen, dass dieses vorherrschende kapitalistische System weg muss. Somit hat auch der Kapitlalismus ausgedient, nachdem der Kommunismus bereits vor zwei Jahrzehnten untergegangen ist. Das Ende das Kapitalismus zeichnet sich vor allem auch durch ab, dass dessen Herzen selbst, die USA, dem wirtschaftlichen und politischen Untergang geweiht ist. Der Geist der Occupy-Bewegung ist bis jetzt ein antikapitalistischer Geist. Es muss eine Alternative her. Ob die Völker Europas und der USA diese Notwendigkeit einer Alternative bereits erkannt haben, ist aber fraglich. Auch mangelt es der europäisch-amerikanischen Freiheitsbewegung an einer Führungspersönlichkeit.

Fazit

Diese Entwicklung in Europa gleichzeitig mit der Erwachensbewegung in den islamischen Ländern ist sicher kein Zufall. Es ist der natürliche Prozess einer Revolution, die im Oktober 680 n.Ch. in der Wüste von Karbala am Tage von Aschura begann und im Jahre 1979 mehr denn je ins Gedächtnis der Menschheit zurückgerufen wurde. Es liegt an uns und an den bisher betroffenen Völkern die Zeichen der Zeit zu erkennen. Die größte Revolution der Menschheit ist in vollem Gange – Teheran, Beirut, Gaza, Manama, Sana’a, Kairo, Tunis, Madrid, Athen oder New York sind einzelne Standorte dieser größten Revolution. Die Errungenschaften an diesen Orten müssen bewahrt werden. Weise und mutige Führungspersönlichkeiten, die uns unter dem Banner der größten Revolution zum Anführer der größten Revolution führen, müssen erkannt und befolgt werden. Muslime müssen eine politische Einheit bilden, Muslime müssen mit gläubigen Menschen eine politische Einheit als Gegengewicht zu den Tyrannen der Zeit bilden. Dann erringt die ganze Menschheit mit Allahs Erlaubnis und Seiner erhabenen Unterstützung einen solch großen Sieg, wie ihn schon Imam Hussain und seine treuen Anhänger vor uns errungen haben.


Anm. d. Red.: Der vorliegende Essay wurde am 14. Dezember 2012 im Rahmen der Internationalen Konferenz “Islamisches Erwachen” in Hamburg vorgestellt.

 

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Über den Autor

Ali Chaukair

Ali Chaukair wurde am 25. März 1986 in Mais al-Jabal im Libanon geboren. Aufgewachsen ist er im niedersächsischen Bad Bodenteich. Sein Abitur absolvierte er als einer der Jahrgangsbesten 2005 in Uelzen. Bis 2011 studierte er Rechtswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und der Université François Rabelais Tours in Frankreich. Seit 2014 ist er als selbstständiger Rechtsanwalt in der Kanzlei Idselis&Wendler in Delmenhorst tätig. Darüber hinaus betreibt er gemeinsam mit seiner Ehefrau den Blog "Unser Islam". Ali Chaukair ist seit 2015 Jugendbeauftragter des schiitischen Dachverbandes IGS in Deutschland.

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